„Jugend im Rechtsruck“ – Bad Freienwalde diskutiert Ursachen und Auswege
„Jugend im Rechtsruck“ – Bad Freienwalde diskutiert Ursachen und Auswege
Großer Andrang bei Podiumsdiskussion zu rechter Jugendkultur und Gegenstrategien
Bad Freienwalde – Drei Monate nach dem Angriff rechter Jugendlicher auf das Fest „Bad Freienwalde ist bunt“ hat die Stadtgesellschaft ein starkes Zeichen gesetzt: Bei der Veranstaltung, die vom Wahlkreisbüro der Bundestagsabgeordneten Isabelle Vandre (Die Linke) organisiert wurde, war jeder Platz besetzt.
Unter dem Titel „Jugend im Rechtsruck – Analyse und Diskussion aktueller Entwicklungen und notwendiger Interventionen“ debattierten Fachleute aus Politik, Jugendarbeit und Zivilgesellschaft über Ursachen zunehmender Radikalisierung und mögliche Gegenstrategien. Auf dem Podium saßen neben Vandre eine Sozialarbeiterin vom mobilen Kinder- und Jugendzentrum „Blauer Bus“ des CVJM Oderbruch, eine Vertreterin des Bündnis „Bad Freienwalde ist bunt“, sowie ein Vertreter der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt Märkisch-Oderland (BOrG).
Gewalt nimmt zu – Täter werden jünger
Ein alarmierendes Bild zeichnete die Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt: Die Zahl rechter Vorfälle in Märkisch-Oderland sei wieder auf dem hohen Niveau von 2015. Viele Täter seien jünger als früher, rechte Propaganda finde sich nicht nur auf der Straße, sondern auch in den sozialen Medien. Rechte Organisationen besetzten gezielt jugendliche Freizeitangebote – vom Wandern bis zum Kampfsport. „Wo Jugendarbeit fehlt, springen organisierte Rechte ein“, so die BOrG.
Sozialarbeit am Limit
Die Sozialarbeiterin berichtete von ihrer täglichen Arbeit im Oderbruch. Kinder brächten rechte Einstellungen teilweise aus ihrem Umfeld mit. Umso wichtiger sei es, Schutzräume zu schaffen und Demokratie praktisch erfahrbar zu machen. Es bräuchte viel mehr und besser ausgestattete Angebote in diesem Bereich der Jugendsozialarbeit.
Um die Prävention zu stärken braucht es laut Vandre eine bessere finanzielle Ausstattung der Jugendsozialarbeit. Von dem Geld des Bundes kommt in den Kommunen oft zu wenig an und vieles werde auf das Ehrenamt oder besonderes Engagement der Fachkräfte abgewälzt.
„Ein Klima der Normalisierung“
Isabelle Vandre stellte klar, dass rechte Jugendgewalt nicht losgelöst von den bundespolitischen Entwicklungen betrachtet werden könne. Die „Verschiebung des Sagbaren“ beginne im Bundestag und strahle in die Gesellschaft. Politiker:innen hätten die Verantwortung die rechte Agenda der AfD nicht zu übernehmen, sondern zu widersprechen und aufzuzeigen, dass es Alternativen gebe. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Bürgergeldempfänger:innen oder Migrant:innen zum Sündenbock gemacht werden.“ Es brauche stattdessen eine gerechte Sozialpolitik, die allen ein gutes Leben ermöglicht.
Außerdem sei es ihr wichtig, dass Parteien und Gewerkschaften sich nicht aus der Fläche zurückziehen. „Wenn Demokrat*innen sich zurückziehen, überlassen wir der AfD das Feld.“ Auch deshalb war Vandre am darauffolgenden Tag mit einem Infostand auf dem Marktplatz präsent.
Aus Fehlern beim NSU lernen
Vandre saß im Brandenburger NSU Untersuchungsausschuss und betont, dass ihr eine Lehre daraus war, dass Recherchen und Aussagen von Betroffenen immer ernst genommen werden müssten. Aus den Fehlern beim NSU müsse gelernt werden. Dazu gehöre auch die Polizei in ihrer Ausbildung mehr zu sensibilisieren.
Zivilgesellschaft wächst zusammen
Die Vertreterin des Bündnisses „Bad Freienwalde ist bunt“ zeigte sich trotz aller Sorgen optimistisch: „Seit dem Angriff ist unser Netzwerk gewachsen. Immer mehr Menschen schließen sich an – das macht Mut.“ Diesen Schwung wollen Strohm und ihre Mitstreiter nun für neue Projekte nutzen.
Engagiertes Publikum, konkrete Forderungen
Im Anschluss an die Podiumsrunde beteiligten sich zahlreiche Gäste an der Debatte, darunter Pädagog:innen und Sozialarbeiter:innen aus dem ganzen Oderbruch. Besonders eindrücklich waren die Wortbeiträge einer Schülerin, die davon berichtete, dass Orte an denen die rechte Bedrohung nicht allgegenwertig sei, kaum noch vorhanden seien. Gerade deswegen engagieren sie und ihre Mitschüler:innen sich jedoch gegen Rechts. Aus dem Publikum wurden mehr Aufklärung über rechte Strukturen sowie konkrete Handlungsempfehlungen für den pädagogischen Alltag gefordert. Außerdem wurde eine Vernetzung von Lehrkräften, die sich bereits vereinzelt gegen die Entwicklungen stemmen angeregt. Alle waren sich darin einig, dass eine gute Vernetzung untereinander die Grundlage für den Kampf gegen die Rechte sei. Der Vereinzelung müsse entgegengewirkt werden. So bleibe die Kraft erhalten menschenverachtende Aussagen immer wieder klar als das zu bezeichnen, was sie sind: menschenverachtend.
Nach gut zwei Stunden Diskussion zog die Moderatorin ein positives Fazit: „Das große Interesse zeigt, wie dringend dieser Austausch gebraucht wird.“ Schon jetzt ist klar: Weitere Veranstaltungen werden folgen – zu rechten Netzwerken in der Region und zu praktischen Handlungsoptionen für Schulen und Jugendarbeit.

